Meine Narbe gehört zu mir

Ohne sie würde ich nicht mehr leben

Yvonne Franzen und ihr Mann freuen sich über ihre gesunde Tochter

"Es war ein unbeschreibliches Gefühl, ein gesundes Baby im Arm zu halten. Ein Wunder. Aus Dankbarkeit habe ich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder gebetet." Immer noch ganz ergriffen erzählt Yvonne Franzen von der Geburt ihrer Tochter Svea.
Es war keineswegs selbstverständlich, dass Svea gesund zur Welt kommen würde. Denn ihre Mutter Yvonne, inzwischen 30 Jahre alt, war als Baby selbst sehr krank. Sie kam mit einer Fallot-Tetralogie zur Welt, einem sehr schweren Herzfehler. Bereits im Alter von fünf Monaten musste sie zweimal unter Einsatz der Herz-Lungen-Maschine operiert werden, um das große Loch in ihrer Herzscheidewand zu schließen und die starke Verengung an der Lungenschlagaderklappe zu beheben. Das war 1982. Heute tritt Yvonne Franzen den Beweis an, dass Kinder mit einem angeborenen Herzfehler als Erwachsene mitten im Leben stehen können.
Nie haben ihre Eltern ein Geheimnis aus dem Herzfehler gemacht. Sie gingen ganz offen damit um, dass die kleine Yvonne mehr auf sich aufpassen musste als andere Kinder. "Meine Eltern haben mich von Anfang an ausprobieren lassen, was gut für mich ist. So konnte ich selbst feststellen, dass ich gewisse Dinge einfach nicht kann. Langstreckenläufe zum Beispiel. Da reicht die Puste nicht", erinnert sich Yvonne Franzen. "Leider haben manche Sportlehrer das trotz des Attests meines Kardiologen nicht verstehen wollen. Ich habe schon früh gelernt, mich gegenüber Lehrern durchzusetzen."

Mutige Entscheidung
Vor allem während der Pubertät war es sehr belastend, die Hänseleien anderer Jugendlicher auszuhalten. Andere Mädchen zeigten sich im Sommer im bauchfreien Top. Yvonne versuchte, ihre Narbe zu verstecken. "Die Narbe reicht vom Brustbein fast bis zum Bauchnabel. Damals war sie noch recht rot, so dass ich nie gewagt hätte, einen Bikini anzuziehen." Inzwischen geht sie ganz selbstbewusst mit der Narbe um: "Die gehört zu mir. Ohne die Narbe würde ich nicht mehr leben."
Yvonne Franzen ist in Hannover aufgewachsen. Nach der Mittleren Reife machte sie eine Ausbildung zur Zahnarzthelferin. Die Liebe verschlug sie nach Köln, heute lebt sie in einem Dorf im Kölner Umland. Dort auf dem Land entschieden sie und ihr Mann, ein Baby zu bekommen.
"Mein Kardiologe hat mich offen über die Risiken informiert", sagt sie. "Ich habe mich sehr gut betreut gefühlt, da ich in einer Abteilung für Erwachsene mit angeborenen Herzfehlern beraten wurde."
Sie entschied sich im sechsten Schwangerschaftsmonat zu einer Ultraschall-Untersuchung der Organe des ungeborenen Kindes, vor allem des Herzens. Einerseits ging es ihr darum zu wissen, ob das Baby gesund sei. Andererseits wollte sie sich im Falle von Komplikationen gut auf weitere Schritte vorbereiten. Gottseidank war alles in Ordnung.

Auf den eigenen Körper hören
Die inzwischen 14 Monate alte Svea ist gesund, lebhaft, neugierig. Sie lernt zu laufen, tapert an Tischen, Stühlen und Sofakanten entlang. Von ihrem Garten aus kann sie den Kühen auf der Nachbarwiese zuwinken.
Für Yvonne Franzen wiederholt sich die Geschichte. So offen, wie ihre Eltern mit ihr über die Fallot-Tetralogie sprachen, so offen wird sie mit Svea später über ihre eigene Erkrankung reden. "Irgendwann steht bei mir eine Operation für eine neue Herzklappe an", sagt die junge Mutter. "Ich möchte meiner Tochter die Angst davor nehmen, indem ich ihr sage: Der Mama passiert nichts, das ist nichts Bedrohliches."
Diese Offenheit und Ehrlichkeit wünscht sie allen Eltern, deren Kind mit einem angeborenen Herzfehler zur Welt kommt. "Wir dürfen diese Kinder nicht in Watte packen, um sie zu schützen. Sie sollten selbst erfahren, was sie sich zutrauen können. So lernen sie, auf ihren Körper zu hören."
Auch für die kleinen Herzpatienten hat sie einen Tipp: "Habt Mut, nein zu sagen, wenn Ihr Euch etwas nicht zutraut. Und versteckt Euch nicht. Euer Herz gehört zu Euch."